2024 sahen 59.148 Menschen in einem Frankfurter Fußballstadion Käfigkämpfen zu. Vierzehn Jahre vorher hatte eine deutsche Behörde entschieden, dass man genau das nicht einmal im Fernsehen zeigen darf.
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Geschichte des europäischen MMA. Dieser Text erzählt sie als Zeitstrahl – wer wann angefangen hat, wer die Hallen gefüllt hat und welche deutschen Namen dabei vorkommen.
Dreiundzwanzig Jahre auf einer Linie
2001
Cage Warriors wird gegründet
Erstes Event im Juli 2002 in London.
England
2004
KSW startet
Martin Lewandowski und Maciej Kawulski gründen die Serie.
Polen
2009
Die UFC kommt nach Deutschland
13. Juni in Köln; das DSF zeigt die Abende samstagnachts im Free-TV.
Köln
2010
Das Fernsehen macht zu
Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien untersagt die Ausstrahlung.
Verbot
2015
Das Verbot fällt
9. Januar: Das Verwaltungsgericht München erklärt es für rechtswidrig.
Urteil
2016
OKTAGON wird gegründet
22. Juni in Tschechien und der Slowakei – im September ist die UFC zum letzten Mal in Deutschland.
Tschechien
2017
KSW 39 füllt das Nationalstadion
27. Mai in Warschau, 57.776 Zuschauer – Europarekord bis 2024.
Warschau
2024
59.148 im Deutsche Bank Park
12. Oktober – die größte MMA-Kulisse außerhalb Japans.
Frankfurt
Alle Stationen mit Quelle stehen im Zeitstrahl – dort auch die, die nicht aus dem MMA kommen: die Queensberry-Regeln, der gestrichene Kopfschutz im Amateurboxen, olympisches Taekwondo und Karate.
Acht Daten, und man sieht die Richtung: erst England, dann Polen, dann Mitteleuropa – und dazwischen fünf Jahre, in denen der Sport in Deutschland nicht im Fernsehen stattfand. Der Sprung vom Klub in die Arena passierte in Europa früher, als die meisten glauben.
Die Briten fangen an
Cage Warriors, 2001 gegründet, erstes Event im Juli 2002 in London. Die Organisation ist heute in irischer Hand und in London ansässig, und sie ist das, was im Fußball ein Ausbildungsverein wäre: Wer dort Champion wird, ist bald weg.
Die Liste der Leute, die dort angefangen haben, liest sich wie ein UFC-Programmheft. Michael Bisping wurde im April 2005 erster Halbschwergewichts-Champion der Organisation. Dan Hardy holte im November 2005 den Weltergewichtstitel, Gegard Mousasi im Dezember 2006 den im Mittelgewicht. Und später: Conor McGregor, Paddy Pimblett, Tom Aspinall, Ian Machado Garry.
In Deutschland hat Cage Warriors in all den Jahren nicht ein einziges Mal veranstaltet.
Polen füllt das erste Stadion
KSW, 2004 von Martin Lewandowski und Maciej Kawulski in Polen gegründet, ging einen anderen Weg: nicht viele Abende, sondern wenige große. Das Ergebnis steht bis heute in den Rekordlisten.
Am 27. Mai 2017 füllte KSW 39 „Colosseum” das Nationalstadion in Warschau mit 57.776 Zuschauern – damals die größte Kulisse, die eine MMA-Veranstaltung in Europa je gesehen hatte, und die zweitgrößte überhaupt. Größer war nur Pride Shockwave 2002 in Japan.
Das ist die Zahl, an der man die deutsche Verspätung ablesen kann. Als in Warschau 57.776 Menschen im Stadion saßen, lief in Deutschland keine einzige MMA-Sendung im frei empfangbaren Fernsehen. Zwei Jahre waren seit dem Gerichtsurteil vergangen, das das ändern sollte.
Deutschland verbietet es im Fernsehen
Der Anfang war vielversprechend. Am 13. Juni 2009 kam die UFC nach Köln – das erste Mal auf deutschem Boden –, und der Sportsender DSF zeigte UFC-Veranstaltungen samstagnachts im frei empfangbaren Fernsehen.
Im März 2010 war damit Schluss. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien untersagte die Ausstrahlung: Der Kampfsport stelle in erheblichem Maß eine Gewaltverherrlichung dar. Den Ausschlag gab eine Regel, die den Sport ausmacht – dass man einen Gegner am Boden weiter schlagen darf. Das, so die Begründung, breche ein gesellschaftlich anerkanntes Gewalttabu.
Fünf Jahre lang blieb es dabei. Erst am 9. Januar 2015 erklärte das Verwaltungsgericht München das Verbot für rechtswidrig: Bei den UFC-Formaten handele es sich grundsätzlich um ausstrahlungsfähige Inhalte. MMA war damit vor Gericht das, was es vorher nicht sein durfte – ein Sport.
Der Schaden war da aber längst angerichtet. Eine Sportart, die fünf Jahre lang nicht im Fernsehen stattfindet, hat fünf Jahrgänge an Zuschauern nicht erreicht, und sie hat fünf Jahre lang keine Sponsoren überzeugt. Wer heute fragt, warum die deutsche Szene später dran ist als die polnische oder die britische, findet hier einen großen Teil der Antwort.
Fünf Abende UFC, dann war sie weg
Die größte Organisation der Welt war in Deutschland fünfmal zu Gast, und dann nie wieder:
| Datum | Ort |
|---|---|
| 13. Juni 2009 | Köln |
| 13. November 2010 | Oberhausen |
| 31. Mai 2014 | Berlin |
| 20. Juni 2015 | Berlin |
| 3. September 2016 | Hamburg, Barclays Arena |
Seit zehn Jahren kommt sie nicht mehr. Das Verbot war 2016 schon ein Jahr aufgehoben, der Markt trotzdem nicht attraktiv genug. Was danach in deutschen Hallen passierte, passierte ohne sie.
Die deutschen Namen
Der erste Deutsche im Octagon war Dennis Siver. Sein UFC-Debüt hatte er am 21. April 2007 bei UFC 70, und er blieb acht Jahre: neunzehn Kämpfe, elf Siege, viermal Kampf des Abends, zweimal Knockout des Abends, einmal Aufgabegriff des Abends. 2015 stand er Conor McGregor gegenüber – zu dem Zeitpunkt der bekannteste Name des Sports.
Bei den drei Fight Nights in Berlin und Hamburg trugen Peter Sobotta und Nick Hein die deutschen Farben; Hein, Kölner Polizeibeamter mit Judo-Vergangenheit, debütierte 2014. In Hamburg 2016 kamen Jarjis Danho und Jessin Ayari dazu. Abus Magomedov, deutscher Staatsbürger, gab 2022 sein UFC-Debüt und gewann es durch Knockout in der ersten Runde.
Und hier schließt sich ein Kreis, den man im Kalender nachsehen kann. Jessin Ayari, der 2016 bei der letzten UFC-Veranstaltung in Deutschland debütierte, kämpft am 31. Oktober 2026 in München – bei OKTAGON, gegen Ion Surdu. Der Veranstalter führt ihn als „ehemaligen UFC-Kämpfer”; sein Heimatverein ist Original Fighting Nürnberg.
Wer heute die Stadien mietet
OKTAGON MMA wurde am 22. Juni 2016 von Pavol Neruda und Ondřej Novotný in Tschechien und der Slowakei gegründet – im selben Jahr, in dem die UFC Deutschland zum letzten Mal besuchte. Angefangen hat es mit einer Realityshow, der Oktagon Challenge.
Acht Jahre später, am 12. Oktober 2024, standen 59.148 Menschen im Frankfurter Deutsche Bank Park: mehr als bei KSW 39, mehr als bei jeder Veranstaltung der UFC, und die größte MMA-Kulisse außerhalb Japans. Damit liegt der europäische Spitzenwert seit 2024 nicht mehr in Warschau, sondern in Frankfurt – gehalten von einer Organisation, die es gab, als die UFC Deutschland zum letzten Mal besuchte, und die damals noch keine zwei Monate alt war.
Was das für diese Seite bedeutet, ist zählbar. In unserem Kalender stehen derzeit 151 Termine von 36 Veranstaltern, davon 42 mit MMA im Programm, und 60 Kämpferprofile. Der Großteil davon ist nicht das Stadion, sondern die Halle: Verbände, Vereine, Turnierserien, Abende vor ein paar hundert Leuten. Genau die Ebene, die fünf Jahre lang nicht im Fernsehen vorkam.
Häufige Fragen
War MMA in Deutschland verboten?
Der Sport nicht, die Übertragung. 2010 untersagte die Bayerische Landeszentrale für neue Medien die Ausstrahlung von UFC-Formaten im frei empfangbaren Fernsehen; Veranstaltungen selbst fanden weiter statt. Das Verwaltungsgericht München erklärte das Verbot am 9. Januar 2015 für rechtswidrig.
Welche ist die älteste europäische MMA-Organisation?
Von den heute noch aktiven großen ist es Cage Warriors: gegründet 2001, erstes Event im Juli 2002 in London. KSW folgte 2004, OKTAGON 2016.
Wo stand die größte MMA-Kulisse Europas?
Bis 2024 in Warschau: KSW 39 am 27. Mai 2017 im Nationalstadion, 57.776 Zuschauer. Seither in Frankfurt mit 59.148. Weltweit größer war nur Pride Shockwave 2002 in Japan – deshalb heißt der Frankfurter Wert korrekt „Rekord außerhalb Japans”.
Kommt die UFC zurück nach Deutschland?
Dazu gibt es keine Ankündigung. Die letzte von fünf Veranstaltungen war am 3. September 2016 in Hamburg. Was terminiert ist, steht im Terminkalender – und dort steht die UFC nicht.
Wo finde ich die nächsten Termine?
Im Terminkalender. Er führt Fight Nights, Turniere und Galas quer durch Deutschland – die große Halle genauso wie den Vereinsabend vor dreihundert Leuten.
Stand: 12. September 2026. Gründungsjahre und Zuschauerzahlen stammen aus den Selbstdarstellungen der Organisationen und ihren Wikipedia-Einträgen, die Angaben zum Fernsehverbot aus der Berichterstattung über die Entscheidung der BLM und das Urteil des Verwaltungsgerichts München. Die Zahlen zum eigenen Bestand zählt diese Seite beim Bauen.